Porajmos

Filip DAVID

CHRONIK FINSTERER ZEITEN

Dušan Savić’s Roman „Porajmos“ führt uns durch drei Epochen: die Zeit vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, die Zeit während des Krieges und die Zeit nach dem Ende des Naziregimes. Er beschreibt die Schicksale einer Vielzahl von Personen aus verschiedenen Milieus, unterschiedlicher Gesellschaftsschichten, Herkunft, Nationalität. Schicksale, die miteinander verquicken, einander berühren, aufeinander prallen und dadurch ein authentisches Bild einer Periode voller Verhängnisse, Verrohung und Verbrechen schaffen, wie auch eines, komplexer menschlicher Beziehungen, wenn sich in aussichtlosen Situationen dennoch ein Ausweg findet, und – trotz einer Zeit des Hasses – zwischen Menschen auch ungewöhnliche Verbundenheit zustande kommt, diesen so sehr benötigten Lichtblick in finsteren Zeiten, dank dem auch die furchtbarsten Momente im Leben überwindbar sind. Geschrieben mit der „Sprache des Films“, also bildhaft, mit kurzen, markigen Sätzen, hat der Roman den Gout einer Dokumentarchronik, zusammengesetzt aus Fragmenten von Menschenleben, dem Suchen und Finden einer Möglichkeit in schrecklichen Zeiten zu überleben, einer Ära großer Frustrationen und großer menschlicher Tragödien, in der das einfache Leben nichts zählt und jeglichen Wert verliert.
Es gibt gewissen Konstanten in solchen historischen Situationen, in Zeiten vor dem Sturm, vor Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes. Das Leben verläuft normal, Familien gedeihen, Kinder wachsen, Eltern sorgen alltägliche Sorgen, Zukunftspläne werden geschmiedet, Karrieren geplant, und man versucht das Leben erfolgreich und so angenehm wie nur möglich zu gestalten – und plötzlich stürzt alles ein, die gesamte Lebensgestaltung bricht ein, auf privater und staatlicher Ebene, und was bleibt, ist der Kampf ums nackte Leben, um Selbsterhaltung, um die nackte Existenz. Es beginnen sich Dinge abzuspielen, die unvorstellbar waren, im allgemeinen moralischen und allumfassenden Zerfall wird alles möglich.
In Savić’s Roman defilieren Juden, Roma, Deutsche, Partisanen, Ustascha, wir verfolgen die Geschehnisse im alten monarchistischen Jugoslawien, der Kriegszeit, dem kommunistischen Nachkriegsjugoslawien, im Ausland – in Frankreich, der Schweiz sowie Deutschland –, auf dem Land, in der Stadt und in den Lagern, die für ihre monströsen und unfassbaren Gräuel bekannt sind. Die romaneske Geschichte, die sich zwischen 1934 und 1964 abspielt, beginnt mit der Biografie des Sarajevoers Oskar Baranon, Architekturstudent einer angesehenen französischen Universität, und endet dreißig Jahre später mit der Ankündigung seiner jüngeren Schwester Rahela nach Berlin ziehen zu wollen, um für das Internationale Auschwitz Komitee zu arbeiten. In dieser Zeitspanne nehmen ihre Schicksale – und die Schicksale mit ihren Leben verbundener Personen – ihren Lauf. Zugleich ist es auch eine Historie tragischer Vorkommnisse in dieser Region des Balkans, die lokale aber auch europäische und globale Dimensionen aufweisen. Wir verfolgen das Los von Menschen verschiedener Generationen, ungleicher Gesellschaftsschichten, unterschiedlicher Glaubensbekenntnis und Nationalität. Alleine, sind sie vor furchtbaren Kataklysmen wie einem erbarmungslosen, allumfassenden Krieg, dessen Ziele Vernichtung und Auslöschung sind, völlig machtlos. – Und dennoch schaffen es manche selbst in den schlimmsten Kasematten zu überleben, oft nur aus purem Zufall, aber auch dank einer helfenden Hand, die genau dann gereicht wird, wenn damit am wenigsten zu rechnen ist.
Der Roman „Porajmos“ setzt sich kompositionell aus einer Reihe von Fragmenten zusammen, die sowohl Zeitsprünge als auch Änderungen des Ambiente beinhalten, die jedoch gemeinsam, bei umfassender Betrachtung, eine geschlossene Ganzheit bilden. Savić’s Sprachstil ist einfach, chronikalisch dokumentierend, ohne überflüssiger Details, wie schon gesagt, beinahe filmischer Dramaturgie. Da liegen seine Stärken aber auch manche Schwäche, und so beherrscht das Chronikalische zeitweise das Romaneske.
Seine Bedeutung für die Gegenwart ergibt sich, unter anderem, aus der Tatsache, dass uns – konfrontiert mit den Gräuel eines furchtbaren Krieges, der auf Hass, Vorurteilen, unzähligen Verbrechen, Massenvernichtung und ethnischer Säuberung basiert – zu verstehen gegeben wird, wir aber auch gewarnt sind, welchen hohen Preis gefährliche Ideologien und Intoleranz haben. Leider zeigen uns Geschehnisse aus jüngster Vergangenheit, dem Zerfall Jugoslawiens, dass die Menschen kaum oder nur schlecht aus tragischen, historischen Erfahrungen gelernt haben. Dennoch, das Leben in seiner Ganzheit ist unzerstörbar, hoffen und überleben ist auch in finstersten Zeiten möglich, trotz allem.

Filip DAVID

Stevan Tontić

Rezension des Manuskriptes zum Roman Porajmos von Dušan Savić

Nach Wiener Kreise, seinem ersten Roman (der das Thema Emigration nach dem Balkankrieg der neunziger behandelt), taucht Dušan Savić (geb. 1952) in die finstersten Geschehnisse es Zweiten Weltkrieges ein, dessen Symbol das nationalsozialistische Konzentrationslager Auschwitz ist. Die literarischen, historistischen und publizistischen Werke über Auschwitz und den Holocaust bilden längst eine unüberschaubare Bibliothek, sodass jedes Auseinandersetzen mit dieser äußerst heiklen Thematik umso fordernder und riskanter ist. Da jedoch jedwede literarische Gestaltung zu den Themen Leben und Geschichte nicht allein auf erwiesenen Tatsachen beruht, sondern vor allem auf der Vorstellungskraft des Schriftstellers, seinem Gefühl für das Wesen der jeweiligen Zeit, der Eigenheit wichtiger Vorkommnisse und der Fähigkeit, Menschen und ihre Schicksale überzeugend darzustellen, können Auschwitz und der Holocaust weder ein für immer abgeschlossenes noch vollkommen bewältigtes Ereignis sein.
Im vierteiligen Roman Porajmos (Romani für „Verschlingen“ bzw. den Holocaust) erzählt Savić drei Geschichten (die vierte ist ein Epilog) über drei Familien (Juden, Roma und Serben) aus denen jeweils ein männliches Mitglied nach Auschwitz gelangt. Da ist zuerst einmal der junge Architekt Oskar Baranon, Sohn eines wohlhabenden Bankiers aus Sarajevo, der, nachdem seine Familie durch die Ustaša umkommt, nach Auschwitz deportiert wird. Aus dem Lager wird er, nach allen durchlebten Gräuel, von einem Deutschen gerettet, der ihn zufällig wiedererkennt und sich seiner erbarmt, da er als Industrieller vor dem Krieg Geschäftsbeziehungen zu seinem Vater und auch ihm selbst hatte. Die zweite Geschichte erzählt vom Rom Ragib Šehović, einem Musikanten, der nicht überleben wird, obgleich er als Violinkünstler gewisse Privilegien genießt und auf die Gnade seines Schirmers hofft, der am Ende, bevor die russischen Soldaten eintreffen und die Lagerinsassen befreien, erst ihn und dann sich selbst erschießt. Der dritte Protagonist, der Kellner Savo Dragosavljević, überlebt die Grausamkeiten des Lagers dank eines anderen gütigen Deutschen – schließlich waren nicht alle nazistische Bestien. Savić war – durch die eindringlichen, oft detaillierten Darstellungen der im Lager herrschenden Atmosphäre, den Schilderungen von den Qualen, der Ermordung und der Vergasung der Gefangenen – offensichtlich bestrebt, das Bild von den Deutschen wie auch von den Völkern aus denen die drei unglückseligen bosnischen Gefangenen stammen „auszugleichen“. Gekonnt verknüpft er alle drei Geschichten mittels unterschiedlicher, sich „überkreuzender“ Bekanntschaften oder völlig unerwarteter, erfreulicher Koinzidenzen – eine Rettung brachten immer nur unglaubliche „glückliche Zufälle“ –, mit dem Ziel eine organische Verbundenheit zwischen den Schicksalen der Opfer zu schaffen, die ihnen im Wesentlichen historisch zuteil geworden ist.
Während er das im Menschen wütende Böse, als Rädchen im großen, verbrecherischen Mechanismus des nazistischen deutschen Regimes darlegt – aber auch des ebenbürtigen, einheimischen der Ustaša –, zeigt der Schriftsteller ebenso Beispiele menschlicher Großherzigkeit und Selbstlosigkeit auf, insbesondere beim einfachen, den Gräueltaten ausgesetzten Volk. So etwa in der Figur der Romni Crna, die sich im Krieges eines jüdischen Mädchens annimmt, die Tochter des ermordeten Bankiers Baranon, bei dem Crna Bedienstete war. Dieses Mädchen wächst bei Savos Verwandten in Banja Luka auf, promoviert später in Belgrad zum Thema Holocaust und findet schlussendlich beim Internationalen Auschwitz Komitee in Berlin Anstellung. Damit ist auch die finale, vierte Erzählung des Romans abgeschlossen, in dem letzten Endes das Leben triumphiert und zumindest subjektiv und symbolisch der Gerechtigkeit genüge getan wird. Und genau das hatte der Schriftsteller, der in gewissem Maße ein den allgemeinmenschlichen ethischen Imperativen folgender Moralist ist, ständig vor Augen.
Die stärksten Elemente in Savić’s Prosa sind die lebendigen („filmischen“) und realistischen Schilderungen der Leiden (Leser bekommen den Eindruck, der Autor selbst habe Auschwitz überlebt), die vortrefflich gestalteten, individuell gänzlich unterschiedlichen Schlüsselfiguren, wie auch die Bildnisse der Familienbande. Dadurch werden auch jene Passagen im Roman ausgelöst, in denen, wie es scheint, seine vom Leid geplagten Helden, zuweilen übermäßig von der Natur menschlicher Niederträchtigkeit und allem was damit einhergeht „philosophieren“.
Vereinzelt kommt der Schriftsteller auch dem Ruf seiner „poetischen Ader“ nach, um die bedrückende Atmosphäre des Romans einigermaßen zu beschwichtigen. Einer dieser Momente ist etwa das außergewöhnlich gelungene Bild, als sich Ragib vorstellt, wie sein Schatten aus dem Lager entkommt, indem er durch den unüberwindbaren Stacheldrahtzaun hindurchgeht.
Savić hat sich auch mit diesem, erst zweiten Roman, als begnadeter und bewegender Autor bestätigt, der auch vor schwierigsten Themen nicht zurückschreckt. Da er spät zu schreiben begonnen hat, ist es gewiss, dass er auch weiterhin die Gelegenheit ergreifen wird, seinen Ausdruck und seine Erzähltechnik zu perfektionieren.
Das Manuskript dieses Romans kann ich jedenfalls zur Veröffentlichung nur empfehlen.

Stevan Tontić

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